Zehn Perspektiven
Jedes Jahr würdigen wir zehn zukunftsweisende Perspektiven für die Langzeitpflege und die Personen, die dahinter stehen.
Perspektiven für die Langzeitpflege
Wie die Langzeitpflege im Jahr 2040 sein wird, entscheidet sich auch schon heute. Gute Rahmenbedingungen für die Pflege älterer Menschen entstehen nicht von allein – sie brauchen Menschen, die mit Fachwissen, Visionen und persönlichem Engagement zukunftsweisende Perspektiven aufzeigen.
Wir wollen jene Vordenkerinnen und Vordenker würdigen, die die Bedingungen, unter denen Pflege stattfindet, aktiv neugestalten. Ihr Engagement im Hier und Heute verdient nicht nur Aufmerksamkeit, sondern Anerkennung und Unterstützung.
Zehn Perspektiven 2026
Für das Jahr 2026 haben die Mitglieder des Stiftungsrates beschlossen, Engagement in Bezug auf fünf zentrale Zukunftsthemen herauszustellen: Demographie, Migration, Demokratie, Klimawandel, Künstliche Intelligenz. Alle fünf Themen bringen massive Veränderungsdynamiken in die Bedingungen, unter denen Langzeitpflege zukünftig stattfinden kann.
Die Personen dahinter
Die Auswahljury hat bewusst entschieden, zum Start dieser Würdigung und damit besonderen Förderung im Jahr 2026, ausschließlich Frauen zu hervorzuheben. Der Grund: Pflege wird nach wie vor von Frauen getragen – doch in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik rund um Pflege sind Frauen noch immer nicht adäquat repräsentiert.
Die zehn Frauen, deren zukunftsweisendes Engagement herausgestellt wird, kommen aus der Wissenschaft, der pflegerischen Operative, dem betrieblichen Management, der politischen Vereinsarbeit und der Architektur. Sie bringen sowohl fachliche Expertisen als auch operative Erfahrungen mit, die wertvoll für eine professionelle, vernetzte und vorausschauende Gestaltung der Langzeitpflege im Jahr 2040 sind.
Lernen Sie die zehn Personen und ihre wegweisenden Ansätze kennen – und lassen Sie sich von ihren Perspektiven inspirieren.
Kübra Annac
Kübra Annac (*1996, 44 in 2040) wurde von der Friedrich-Wilhelm-Helweg-Stiftung für herausragende Leistungen zum Studienabschluss ausgezeichnet. Die Gesundheitskommunikatorin und Biomedizinerin forscht seit 2020 an der Universität Witten/Herdecke zu Diversität, Gesundheitskompetenz und gerechter Versorgung im Gesundheits- und Pflegewesen. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Frage, wie Gesundheits- und Pflegeangebote so gestaltet werden können, dass sie den unterschiedlichen Lebensrealitäten der Menschen gerecht werden. Dabei untersucht sie insbesondere, wie Faktoren wie Migration, Sprache, kulturelle Prägungen und soziale Lebenslagen den Zugang zu Gesundheitsinformationen sowie die Nutzung von Versorgungs- und Pflegeangeboten beeinflussen.
Die Perspektive von Kübra Annac zeigt auf, dass eine zukunftsfähige Pflege der Vielfalt von Lebensrealitäten gerecht werden muss. Nur wenn Diversität systematisch in Forschung, Versorgung und Pflege mitgedacht wird, können Angebote entstehen, die Menschen tatsächlich erreichen und Teilhabe ermöglichen.
„Gesundheit ist ein Menschenrecht. Eine zukunftsfähige Gesundheits- und Pflegeversorgung muss die Vielfalt der Menschen berücksichtigen, die sie erreichen soll. Mit meiner Forschung möchte ich dazu beitragen, dass Diversität nicht als Herausforderung, sondern als selbstverständlicher Ausgangspunkt guter Versorgung verstanden wird.“
Judith Burgmeier
Judith Burgmeier (*1986, 54 in 2040) hat langjährige Erfahrung in Pflegepraxis, Pflegemanagement, Pflegepolitik und Gesundheitswirtschaft. Als examinierte Altenpflegerin, Palliative-Care-Fachpflegeperson, Pflegeberaterin sowie Care- und Case-Managerin verbindet sie fachliche Tiefe mit einem klaren Blick für Strukturen, Qualität und Weiterentwicklung.
Ihr beruflicher Weg führte sie durch verschiedene Bereiche der Langzeitpflege – stationär, teilstationär und ambulant – bis hin zu Leitungspositionen. Der Wunsch, Pflege nicht nur im Alltag gut zu gestalten, sondern auch strukturell weiterzuentwickeln, prägte ihren weiteren Weg in Pflegepolitik und Gesundheitswirtschaft. Ergänzt durch ihr Studium in Pflege- und Gesundheitsförderung (B.A.) sowie Pflege- und Gesundheitsmanagement (M.A.) steht Judith Burgmeier für eine moderne, professionelle, diversitätssensible und sensitive Pflege.
Gemeinsam mit ihrer Lebenspartnerin Hannah Burgmeier gründete sie 2024 die vielfältig. GmbH – Pflege in allen Facetten, Deutschlands ersten ambulanten Pflegedienst mit Schwerpunkt auf Sexualität und geschlechtlicher Vielfalt. Mit Vielfältig. zeigt sie, wie Pflege neu gedacht werden kann: diskriminierungssensibel, fachlich stark und nah an den Lebensrealitäten der Menschen. Ergänzend zum ambulanten Pflegedienst bietet vielfältig. bundesweit Fortbildungsangebote, Prozessbegleitung und Organisationsentwicklung für Organisationen der Gesundheitswirtschaft an.
„Ich glaube daran, dass gute Pflege mehr ist als Versorgung. Sie bedeutet, Menschen in ihrer ganzen Lebensrealität zu sehen, ihre Würde zu schützen und Strukturen so zu verändern, dass Vielfalt selbstverständlich Platz hat. Genau dafür stehe ich mit meiner Arbeit: Für eine berufliche Pflege, die fachlich stark, menschlich sensitiv und mutig genug ist, neue Wege zu gehen.“
Prof. Dr. Vanessa Cobus
Vanessa Cobus (*1990, 50 in 2040) ist Professorin für Digitalisierung und Technik in der Pflege (eCare) an der Jade Hochschule. Bereits seit über 10 Jahren verbindet sie IT und Pflege und verfolgt vielfältige Forschungsperspektiven. Im Studiengang Angewandte Pflegewissenschaften bringt sie den Studierenden auch Grundlagen der Informatikanwendung bei.
Die Perspektive von Vanessa Cobus zeigt, dass „die Pflege“ ein von Technik und Digitalität geprägtes Berufs- und Tätigkeitsfeld wird. Ihr Engagement trägt dazu bei, die Brücke zwischen Pflegefachlichkeit und digitaler Zukunft der Pflege zu schlagen und aktiv zu nutzen.
„Die Ausbildung von Pflegefachpersonen liegt mir besonders am Herzen. Deshalb möchte ich Studierenden der Pflege- und Gesundheitswissenschaften vermitteln, wie digitale Technologien kritisch bewertet und gezielt eingesetzt werden können, um Pflegefachlichkeit zu stärken und die Versorgungsqualität nachhaltig weiterzuentwickeln. Die Zukunft der Pflege entsteht dort, wo digitale Innovation und pflegerische Expertise gemeinsam Lösungen entwickeln, die mehr Zeit für menschliche Zuwendung schaffen.“
Lina Gürtler
„Die Pflege in Deutschland baut kontinuierlich ihre Professionalität aus. Dazu gehört auch eine starke Stimme im demokratischen Prozess. Ich engagiere mich in der Interessenvertretung, weil pflegerische Versorgung ein wichtiger Bestandteil des Gesundheitswesens und eines jeden Menschenlebens ist. Die professionelle pflegerische Perspektive muss einbezogen werden, damit Lebensqualität geschaffen und erhalten bleibt und pflegende Angehörige die Unterstützung bekommen, die sie benötigen.“
Gesine Kutzera
„Wir zeigen, dass integrierte Konzepte für unterschiedliche Pflegesettings und barrierefreies Wohnen attraktiv und herzlich sein können. Wohnen ist wichtig für Menschen. Wohnen heißt Geborgenheit, Sicherheit und soziale Teilhabe. Dass die Wohnangebote ebenso wie Pflege und Betreuung herzlich, nachhaltig und zukunftsfähig sind, ist unser festes Ziel.“
Sonja Laag
Sonja Laag (*1970, 70 in 2040) ist Arzthelferin, Redakteurin und Diplom-Gesundheitswirtin. Hauptberuflich arbeitet sie seit 24 Jahren für die BARMER Krankenkasse und hierbei überwiegend im Bereich der Integrierten Versorgung. Über ihre verschiedenen beruflichen Stationen, Auslandserfahrungen, durch intrinsisches Interesse und die Bereitschaft auch über die eigene Position im System hinauszudenken, hat sie sich eine einmalige Expertise erarbeitet. Wer sie mal erlebt hat, merkt: kaum jemand kann die Warums der deutschen Pflegeversorgung besser erläutern als Sonja Laag. Ihr besonderes persönliches und ehrenamtliches Engagement steckt sie in das Institut für Pflege, Altern und Gesundheit e.V. (ipag). Dabei bleibt sie nicht nur bei der Analyse. Mit Care Share 13 bringen Sonja Laag und ihre Mitstreiter:innen einen umfassenden Vorschlag für einen neu aufgesetzten und damit zukunftsfähigen Ordnungsrahmen für ein Public-Health- Versorgungssystem, in dem gerade die Pflege eine historisch neue Bedeutung erhält.
Sonja Laag zeigt, wie neue Perspektiven erschlossen werden können, wenn aus der Kenntnis über Gewachsenes Mut und Inspiration wachsen, tragfähige Vorschläge für die Zukunft zu entwickeln. Und das sogar im Ehrenamt.
„Ich habe einen Public Health Blick – nur Health in All Policies wird uns in die Zukunft bringen, denn „das Leben“ der Menschen kann nicht getrennt von Gesundheit und Krankheit gedacht werden. Wir dürfen und wir müssen nicht in alten Denkstrukturen und alten Systemen stehenbleiben, denn es geht weiter. Mit Care Share 13 haben wir einen neuen Ordnungsrahmen zur Diskussion gestellt.“
Kamille Metuku
Kamille Metuku (*1988, 52 in 2040) hat einen Bachelor of Science in Nursing von den Philippinen und einen MBA in International Health-Care Management – absolviert an renommierten Business Schools in Deutschland und Südafrika. Sie durchlief führende Positionen in der stationären Altenpflege, der außerklinischen Intensivpflege sowie der ambulanten Pflege. Seit zwei Jahren verantwortet sie einen Geschäftsbereich der Cosmea Pflege Holding.
Als freiberufliche Dozentin und Coach begleitet sie Pflegedienste bei der operativen Prozessoptimierung, betriebswirtschaftlichen Steuerung, im Qualitätsmanagement und bei der strategischen Ausrichtung.
Über ihre berufliche Tätigkeit hinaus engagierte sich Kamille Metuku als ehrenamtliches Vorstandsmitglied der Philippine Nurses Association Germany. Mit großem Einsatz setzt sie sich für die Interessenvertretung von aus den Philippinen angeworbenen Pflegefachpersonen ein.
Die Perspektive von Kamille Metuku zeigt eindrucksvoll, dass Fachkräfteeinwanderung gelingen kann. Ihr Weg beweist, dass internationale Pflegefachpersonen nicht einfach Lücken füllen, sondern wertvolle Brücken zwischen unterschiedlichen Gesundheitssystemen und Wissensbeständen bauen. Kamille Metuku ist eine Persönlichkeit, die die Pflege in Deutschland nachhaltig bereichert und inspiriert.
„Ich will anspruchsvoll und herausfordernd arbeiten. Ich will da arbeiten, wo ich mich weiterentwickeln kann. Ich habe mich für Deutschland entschieden. Dabei ist mir klar, dass Pflege international vernetzt ist und internationalen Austausch braucht, um sich zukunftsweisend weiterzuentwickeln. International Nurses unterstützen diesen Austausch – wir bilden Brücken zwischen Systemen und Wissensbeständen.“
Dr. Judith Schoch
Judith Schoch (*1981, 59 in 2040) ist promovierte Gerontologin und leitet das Institut für Innovation, Pflege und Alter (IPA) der Evangelischen Heimstiftung in Baden-Württemberg. Als Brückenbauerin zwischen Wissenschaft, Pflegepraxis und Innovation beschäftigt sie sich mit der Frage, wie die Altenpflege angesichts gesellschaftlicher, demografischer und technologischer Veränderungen zukunftsfähig gestaltet werden kann. Gemeinsam mit Pflegeeinrichtungen, Start-ups und Forschungspartnern prüft, erprobt und evaluiert sie neue Technologien und Versorgungsansätze.
Die Arbeit von Judith Schoch eröffnet eine Perspektive darauf, wie Innovationen verantwortungsvoll in den Versorgungsalltag gebracht werden können: anwendungsorientiert, wissenschaftlich begleitet und konsequent an ihrem Beitrag zu einer guten Pflege gemessen.
„Die Herausforderungen in der Pflege werden größer, gleichzeitig entstehen neue Möglichkeiten. Für mich ist die zentrale Frage, wie eine gute Versorgung und Betreuung älterer Menschen auch zukünftig gelingen kann. Ich möchte mit meiner Arbeit dazu beitragen, dass wir nicht nur auf Veränderungen reagieren, sondern die Zukunft der Pflege aktiv mitgestalten.
Gute Ideen entstehen dort, wo unterschiedliche Perspektiven zusammenkommen und Menschen den Mut haben, Neues auszuprobieren. Welchen Mehrwert Assistenzsysteme, Robotik und KI-Anwendungen haben, zeigt sich erst in der Praxis. Entscheidend ist für mich, dass Innovationen kein Selbstzweck sind, sondern dazu beitragen, die Lebensqualität älterer Menschen zu verbessern und Mitarbeitende zu entlasten.“
Victoria Schweyer
Mit ihrem Architekturbüro pflücken realisiert sie mit ihrer Kollegin demenzsensible Bauten sowie Konzepte für lebenswerte Wohnumgebungen im Alter und generationenübergreifendes Zusammenleben. Sie erhielt den Förderpreis der Landeshauptstadt München und war Stipendiatin des Goethe-Instituts in der Villa Kamogawa in Kyoto.
„Als Architektin schaffe ich gute Orte, die Menschen über Generationen hinweg verbinden, soziale Teilhabe fördern und damit die Voraussetzungen für ein gutes Leben bis ins hohe Alter schaffen. Heutige Modellprojekte für gemeinschaftliches Wohnen sollten in naher Zukunft der Standard sein.“
Katharina Steinhauer
Katharina Steinhauer (*1990, 50 in 2040) ist den Weg der Pflegeberuflichkeit gegangen: Ausbildung, Studium und seit 2025 Deutschlands erste CNIO – „Chief Nursing Information Officer“ an der Universitätsmedizin Frankfurt. Diese Position verbindet technisches Know-how und pflegewissenschaftliche Expertise mit der laufenden Patientenversorgung. Die Digitalstrategie der Pflege sowie deren Umsetzung werden von ihr verantwortet.
Die Perspektive von Katharina Steinhauer zeigt auf, dass für eine zukunftsweisende Weiterentwicklung „der Pflege“ sowohl Pflegefachliches als auch technische Möglichkeiten gedacht werden – und einen Platz in Organisationsstrukturen haben. Katharina Steinhauer zeigt, dass dies nicht nur in anderen Ländern möglich ist, sondern auch in Deutschland.
„Ich bin überzeugt: Pflege hat nicht nur das Recht, sondern die Verantwortung, ihre eigenen Maßstäbe für die digitale Transformation zu setzen – evidenzbasiert, nutzerorientiert und an der Lebensrealität der Menschen orientiert. Denn Pflegebedürftige erleben Versorgung nie nur stationär oder nur ambulant – sie bewegen sich durch ein System, das wir gemeinsam gestalten müssen. Digitalisierung und Ambulantisierung brauchen Pflege als gestaltende Profession am Tisch. Für mich ist das keine Wahlmöglichkeit, sondern eine professionelle Haltung. Als erste CNIO Deutschlands ist diese Rolle für mich konsequente Fortsetzung: Sie zeigt, dass Pflege die Digitalisierung nicht nur begleitet – sondern führt. Und dass genau das möglich ist, wenn wir es einfordern.“