„Pflege ist Beziehungsarbeit – und die ist hoch politisch“ – die Perspektive von Judith Burgmeier

Judith Burgmeier startete ihre berufliche Laufbahn als Altenpflegerin, hat Pflegewissenschaft sowie Pflege- und Gesundheitsmanagement studiert und prägte jahrelang die Strukturentwicklung der regionalen Pflege- und Gesundheitswirtschaft – unter anderem beim Aufbau der Pflegekammer Rheinland-Pfalz. Heute bringt sie ihre Expertise als Mitgründerin und Geschäftsführerin des ambulanten Pflegeunternehmens „vielfältig. GmbH – Pflege in allen Facetten“ in Bremen ein.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Sie mögen Pflege – besonders außerhalb des klassischen Krankenhausalltags. Woher kommt diese Leidenschaft?

Judith Burgmeier: Das hat sehr früh angefangen. Als ich etwa 13 Jahre alt war, habe ich im familiären Kontext meine Uroma mitversorgt. Damals kam ein ambulanter Pflegedienst für die Wundversorgung zu ihr. Das hat mich extrem inspiriert – da ging meine Reise richtig los.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Sie betonen immer wieder, wie zentral die Beziehungsarbeit gerade in den sensiblen Settings der Pflege ist. Warum ist Ihnen dieser Aspekt so entscheidend?

Judith Burgmeier: Pflege ist ein enorm anspruchsvoller Beruf – aber die größte Herausforderung liegt aus meiner Sicht nicht im Medizinischen oder Technischen. Das Anhängen von Infusionen, die Portversorgung oder funktionale Handgriffe kann man erlernen, das ist klassisches Handwerk. Das Anspruchsvolle ist die permanente Auseinandersetzung mit Menschen, ihren Biografien und ihren individuellen Geschichten. Es geht darum, diese Beziehungsdynamiken und sensiblen Situationen professionell zu halten. Darin habe ich meine Passion gefunden.

Stiftung Zukunft Altenpflege: In Bremen nutzt ihr mit eurem Pflegeunternehmen vielfältig. das Modell der „Pflege nach Zeit“. Wie wichtig sind solche regionalen Spielräume für eure Arbeit?

Judith Burgmeier: Sie sind essenziell. Die Möglichkeit, „Pflege nach Zeit“ abzurechnen, erlaubt es uns überhaupt erst, in einen echten Beziehungsaufbau zu gehen. Für uns ist das unumgänglich, weil wir als erster Pflegedienst in Deutschland überhaupt uns auf die Themen Sexualität und geschlechtliche Vielfalt spezialisiert haben. So ein sensibles Umfeld lässt sich ohne eine gefestigte Beziehung gar nicht denken. In der rein funktionsteiligen Langzeitpflege ist das sonst kaum machbar. Aber genau hier liegt das Zukunftsfeld der Pflege. Wir müssen unsere Energie darauf verwenden, Versorgungsformen so aufzustellen, dass sie tragfähig und humanistisch bleiben.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Dazu gehört auch die Debatte um den passenden Skill- und Grade-Mix. Wie sehen Sie das Spannungsfeld zwischen Akademisierung und Assistenzpersonal?

Judith Burgmeier: Ein Skill- und Grade Mix bedeutet für mich keinesfalls eine Deprofessionalisierung in der Langzeitpflege, bei der Fachpersonal einfach durch Assistenzpersonal ersetzt werden. Es geht darum, echte Karriereperspektiven innerhalb der Pflegeprofession zu schaffen – und dafür brauchen wir auch akademisierte Pflegefachpersonen, die gezielt gefördert werden und komplexe Steuerungsprozesse übernehmen – auch und insbesondere in der ambulanten und stationären Langzeitpflege. Bei vielfältig. arbeiten wir bewusst mit Pflegeassistenzpersonal, examinierten Pflegefachpersonen und akademisierten Pflegefachpersonen.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Haltung und gesellschaftliche Verantwortung spielen in Ihrer Arbeit eine große Rolle. Wie politisch muss Pflege heute sein?

Judith Burgmeier: Beruflich Pflegende müssen deutlich lauter, sichtbarer und solidarischer werden. Wenn wir in die Geschichte schauen, wissen wir um die historische Verantwortung unserer Berufsgruppe im Dritten Reich. Daraus erwächst die Pflicht, den Anfängen von Ausgrenzung und Diskriminierung entschieden entgegenzutreten. Im Notfall oder im Krankenhaus muss und wird jede Person behandelt werden. Aber in der Langzeitpflege können und müssen wir Kriterien definieren. Wir bei vielfältig. haben beispielsweise eine klare Klausel in unseren Pflegeverträgen: Menschenfeindlichkeit jeglicher Art wird bei uns nicht geduldet und kann zur Kündigung des Pflegevertrags führen. Somit kommen wir als Arbeitgeber*innen unserer Fürsorgepflicht für unsere Mitarbeiter*innen nach. Wir können auch nicht immer über den Personalmangel sprechen und unsere wichtigste Ressource im System, die beruflich Pflegenden unzureichend vor Gewalt, Diskriminierung, Rassismus, Trans- und Homofeindlichkeit schützen. Wir sehen an den aktuellen Beispielen in einem Hospiz in Jever und einem Klinikum in Rostock, dass das Management vereinzelt angefangen hat, dies zu verstehen. Ich wünsche mir deutlich mehr davon.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Bei vielfältig. schaffen Sie geschützte Räume für vulnerable Gruppen, etwa für queere Menschen oder Menschen mit Migrationsgeschichte. Wie begegnen Sie den aktuellen gesellschaftlichen Spannungen und dem spürbaren Rechtsruck im Pflegealltag?

Judith Burgmeier: Wir müssen geschützte Räume schaffen, in denen sich Klient*innen und Mitarbeiter*innen nicht rechtfertigen oder verstecken müssen. Wir haben ein ganz buntes Team und wir werden unsere Kolleg*innen nicht in Settings schicken, in denen sie Diskriminierung ausgesetzt sind. Da hört die Toleranz auf. Auch Kostenträger und Zulassungsinstitutionen müssten hier klarer Position beziehen. Es mag sein, dass die Versorgung rechtsextremer Gruppen für manche ein Markt ist – für uns ist Haltung unverhandelbar. Wir wollen das historisch geprägte Bild der völlig unpolitischen Pflege aufbrechen.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Sie haben viele Jahre in der Struktur- und Gremienarbeit verbracht – im Landkreis Miltenberg, in der Region Nordwest sowie beim Aufbau der Pflegekammer Rheinland-Pfalz. Was hat Sie damals angetrieben?

Judith Burgmeier: Mich hat immer begeistert, wie viel sich auf regionaler Ebene bewegen lässt. Gesundheitsversorgung muss regional gedacht werden, weil die Bedarfe vor Ort unterschiedlich sind. In Miltenberg haben wir interdisziplinär mit Ärzt*innen-Netzwerken und Krankenkassen gearbeitet, um Versorgungsstrukturen und Fachpersonalsicherung voranzubringen. Der anschließende Ruf nach Mainz zum Aufbau der Pflegekammer Rheinland-Pfalz hat mich sehr gereizt, weil ich mich schon immer berufspolitisch einbringen wollte. Ich durfte den fachlichen Bereich der ersten deutschen Pflegekammer mitgestalten. Natürlich habe ich dort auch gelernt, wie viel Verwaltungs- und Politikaufwand in solchen Körperschaften steckt – mit allen strukturellen und personellen Herausforderungen, die dazu gehören.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Was hat Sie schließlich dazu bewegt, aus der Verbands- und Politikarbeit zurück in die Praxis zu gehen und eigenes Unternehmen zu gründen?

Judith Burgmeier: Über den Zwischenschritt in Bremen, wo ich die Geschäftsführung des Vereins Gesundheitswirtschaft Nordwest übernommen hatte, sind meine Partnerin Hannah und ich wieder sehr nah an die Community-Arbeit gerückt. Wir haben eine deutliche Versorgungslücke im Bereich diversitätssensibler Pflege gesehen. Zudem sehen wir ein massives Defizit was das Themenfeld rund um Sexualität und Pflegebedürftigkeit / Behinderung und Pflege-/ und Gesundheitseinrichtungen angeht. Obwohl Sexualität eine Ressource und ein menschliches Grundbedürfnis ist, wird es in Deutschland erst Thema, wenn es um sexuellen Missbrauch oder Übergriffigkeit geht. Daher freuen wir uns sehr, dieses Thema bundesweit zu setzen und damit in Pflege- Eingliederungshilfeeinrichtungen und Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäusern Fortbildungen, Workshops aber auch Organisationsentwicklung und Prozessbegleitung anbieten zu können.

Stiftung Zukunft AltenpflegeNach zwei Jahren Selbstständigkeit: Gibt Ihnen der Erfolg recht?

Judith Burgmeier: Absolut. Uns gibt es jetzt seit zwei Jahren und der Erfolg bestätigt unseren Weg. Wir haben ein großartiges Team und Klient*innen, die eine qualitativ hochwertige, diskriminierungssensible Versorgung durch uns bekommen.
Zudem greifen unsere Standbeine perfekt ineinander: Neben dem ambulanten Pflegedienst in Bremen bieten wir über Hannas Arbeit Paar- Beziehungs- und Sexualberatung an und beraten bundesweit Einrichtungen in der Organisationsentwicklung und Prozessbegleitung. Auf Kongressen halten wir Keynotes und Vorträge, beteiligen uns an wissenschaftlichen Projekten und merken, dass unsere bloße Existenz Anstöße gibt und sich bundesweit etwas bewegt – das macht uns extrem glücklich.

Foto: Judith Burgmeier, privat

Judith Burgmeier