„Wir müssen aufhören, Versorgung nur in Krankheiten zu denken“ – die Perspektive von Sonja Laag

Sonja Laag denkt in Systemen. Über ihren Arbeitsalltag bei einer großen Krankenkasse hinaus engagiert sie sich ehrenamtlich – unter anderem im Think Tank Institut für Pflege, Altern und Gesundheit e.V. und der Initiative Care Share 13. Letzteres ist der Architekturentwurf für ein neues Gesundheits-, Pflege- und Sozialsystem, das die im Sozialgesetzbuch verfasste Versäulung des Sozialrechts verlässt.
Im Interview spricht sie darüber, wie alte Ansätze im Sozialrecht eine gute Versorgung heute verhindern und warum es notwendig ist, Gesundheit und Lebensraum regional zusammenzudenken.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Sie arbeiten bei einer großen Krankenkasse und begleiten dort seit über 20 Jahren Projekte der integrierten Versorgung. Über Ihren Arbeitsplatz hinaus bringen Sie sich für einen weitreichenden Umbau des Systems der sozialen Sicherung ein. Was treibt Sie an?

Sonja Laag: Das liegt wahrscheinlich an der Patientengeschichte meiner Mutter. Schon seit Jahrzehnten begleite ich sie durch das Gesundheitswesen und habe schnell Grenzen und Brüche des Systems erlebt. Und dann natürlich mein beruflicher Weg: Schon während meiner Ausbildung zur Arzthelferin auf dem Land in den späten 80er-Jahren habe ich erlebt, wie ein Patient mit einer schweren Diagnose völlig verunsichert am Tresen stand und nicht wusste, was er jetzt machen muss. Obwohl Medizin und Pflege heute viel besser sind, haben viele Menschen Angst, in den Mühlen dieses unübersichtlichen Systems den Halt zu verlieren. Wir haben enorm viel Geld und Ressourcen im System, sind aber unfassbar schlecht organisiert.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Sie haben Public Health und Gesundheitsmanagement studiert und blicken intensiv auf Systemarchitekturen. Wo liegen die strukturellen Schwächen im deutschen Sozialrecht und den sich daraus ergebenden Strukturen?

Sonja Laag: Seit 20 Jahren beschäftige ich mich an meinem Arbeitsplatz mit Möglichkeiten integrierter Versorgung. Ich habe viele gute Modellprojekte kommen und gehen sehen. In die Regelversorgung hat es keines geschafft. Das System teilt die Versorgung starr in einzelne Gesetzbücher ein – von SGB I bis SGB XIV. Wir versuchen seit Jahrzehnten mit Reformen in immer schnellerer Taktung in den einzelnen SGBen etwas zu optimieren, hinterfragen aber nicht die Grundstruktur. Die Grundstruktur ist westdeutsch und aus den 1970er-Jahren. Dabei ist sie von der Reichsversicherungsordnung von 1911 und den Bismarckschen Sozialgesetzen von 1883 vorgespurt. Der Vordenker des SGB, der Sozialrechtswissenschaftler Hans F. Zacher, stellte bereits fest, dass das Grundgesetz in diesem Bereich in den Schuhen der Reichsversicherungsordnung läuft: für Krankheit ist die um 1900 entstandene Sozialversicherung zuständig. Das Mindset der damaligen Zeit war, dass der Arzt behandelt und die Krankenkasse zahlt. So ist ein Gesundheitssystem entstanden, das vor allem ein „Reparaturbetrieb“ ist. Wir denken in Deutschland Gesundheit und Versorgung fast ausschließlich in Krankheiten und Diagnosen (ICDs). Global gilt es seit der WHO-Ottawa-Charta von 1986 als Ziel, Prävention und Gesundheitsförderung zu fokussieren, um vor die Krankheitslast zu kommen. Organisatorisch, und das heißt rechtlich und kulturell, ist unser System in Deutschland aber nicht in der Lage, dies umzusetzen. Das ist wie in anderen großen Bereichen der Daseinsvorsorge auch: wir funktionieren auf einer Rechtskonfiguration aus dem alten Industriezeitalter. Neben der Fokussierung auf Pathogenese ist es ein weiteres Problem, dass im deutschen System der Regionalbezug fehlt. Es gibt keine Verbindung zwischen Gemeinsamer und Kommunaler Selbstverwaltung. 

Stiftung Zukunft Altenpflege: In Benediktbeuern haben Sie Sich mit weiteren Vertreterinnen der Zehn zukunftsweisenden Perspektiven für die Langzeitpflege austauschen können. Welche Impulse nehmen Sie mit?

Sonja Laag: Mich begeistert die enorm hohe Gestaltungskraft vieler Akteurinnen – ob Pflegewissenschaftlerinnen oder Architektinnen. Wohnen im Alter ist ein zentrales Public-Health-Thema. Unsere Pflegeeinrichtungen ähneln historisch oft noch Krankenhäusern. Wenn wir Pflege neu denken, müssen wir bei Stadt- und Regionalentwicklung ansetzen, bei Logistik, Mobilität und tragfähigen Wohnkonzepten. Auch Ansätze wie Community Health Nursing zeigen, wohin die Reise gehen muss. Wir bleiben bei Podiumsdiskussionen immer, ausnahmslos immer, an alten Grenzen stehen. Doch um das Gemeinwohl zu sichern, müssen wir das alltägliche Leben und die medizinisch-pflegerische-soziale Versorgung als Einheit begreifen.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Wie kommen wir bis 2040 zu einem funktionierenden System? Wie blicken Sie in die Zukunft?

Sonja Laag: Mich trägt das Prinzip Hoffnung. Die drängenden Fragen durch den demografischen Wandel, den medizinisch-technischen Fortschritt und Multimorbidität lassen sich nicht mehr ignorieren. Große Veränderungen entstehen oft durch äußeren Druck: globale Umbrüche, gesellschaftliche Krisen und die Notwendigkeit regionaler Resilienz zwingen uns dazu, Versorgung wieder vor Ort und nah am Menschen zu verankern. Das ist heute vielschichtiger und komplexer als vor 100 Jahren, aber machbar!
Wir dürfen nicht ständig nur formulieren, wogegen wir sind, sondern müssen auch benennen, wofür wir sind. Konzeptionell wurde in den letzten 20 Jahren enorm viel Vorarbeit geleistet. Es gibt unzählige engagierte Köpfe mit durchdachten Modellen. Diese müssen wir jetzt zusammenbringen und mutig in die Praxis umsetzen.

Foto: Christian Berges, Light Loft Studio