Lina Gürtler ist ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin. Nach ersten Berufsjahren auf der Intensivstation arbeitet sie heute in der ambulanten Pflege, studiert Pflegewissenschaft und engagiert sich im Vorstand des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK). Ihr Fokus liegt auf der zukunftsfähigen Ausgestaltung der häuslichen Versorgung durch eine professionelle Pflege, die Selbstständigkeit stärkt und ihre Perspektive auch politisch einbringt.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Von der Intensivstation in die ambulante Pflege: Was bindet Sie an das häusliche Setting?
Lina Gürtler: Auf der Intensivstation habe ich Menschen erlebt, deren Krankenhausaufenthalt durch präventive Maßnahmen oder frühzeitiges Reagieren vermeidbar gewesen wäre. In der häuslichen Versorgung sehe ich viele Versorgungslücken und ungenutztes pflegerisches Potenzial. Ich wollte dorthin, wo Menschen ihr tägliches Leben mit Pflegebedarf meistern – denn genau dort werden ihre Herausforderungen vom System viel zu oft übersehen.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Wie sehen die Möglichkeiten in häuslichen pflegerischen Versorgung aus? Was kommt Ihnen immer wieder in den Sinn, wenn Sie über die Hindernisse in der Versorgungslandschaft nachdenken?
Lina Gürtler: In der Praxis erlebe ich, dass unsere Versorgungs- und Vergütungsstrukturen Pflege noch stark über krankheitsbezogene Leistungen, einzelne Verrichtungen und medizinische Behandlungen abbilden. Pflegerische Ziele wie Selbstständigkeit, Prävention, Alltagskompetenz und Teilhabe sind weniger sichtbar. Dabei kann professionelle Pflege viel früher ansetzen. Ganz konkret: Selbst eine vermeintlich einfache Tätigkeit wie die Körperpflege ist professionell verstanden weit mehr als eine Verrichtung. Sie bietet die Möglichkeit, Veränderungen wahrzunehmen, Risiken einzuschätzen und Ressourcen zu fördern. So können Pflegefachpersonen Verschlechterungen früh erkennen und aus meiner Sicht in manchen Fällen auch dazu beitragen, Krankenhausaufenthalte zu vermeiden. Zudem haben Pflegedienstleister das Problem, dass ein professioneller Pflegeprozess in seiner Logik im ambulanten Vergütungssystem erstmal nicht sichtbar wird: Assessment, Ressourcenanalyse, gemeinsame Zielsetzung und Evaluation werden aus meiner Perspektive nicht angemessen durch den Leistungskatalog der Pflegeversicherungen vergütet. Das fördert eine Logik einzelner abrechenbarer Leistungen, obwohl Menschen eigentlich eine kontinuierliche, bedarfsorientierte pflegerische Begleitung benötigen.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Welche Akzente braucht denn eine Pflege in der häuslichen Versorgung?
Lina Gürtler: Gerade in der Versorgung älterer Menschen begegne ich häufig dem Gedanken, dass Pflegebedürftigkeit eine Einbahnstraße des Verfalls sei. Professionelle Pflege hat aber einen starken rehabilitativen und aktivierenden Auftrag! Wenn wir gemeinsam mit den Menschen ihre Wohnräume anpassen, Bewegungsabläufe fördern und Angehörige gezielt entlasten, ermöglichen wir durch den Erhalt von Fähigkeiten und die Schaffung neuer Bedingungen ein selbstbestimmtes Leben. Pflege muss als Teil unseres Sozialstaatsgefüges verstanden werden – es geht um Lebensqualität und soziale Teilhabe im gewohnten Umfeld.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Sie sind ein politischer Mensch. Wo spiegeln sich gesellschaftliche Umbrüche und politische Spannungen in Ihrem Arbeitsalltag wider?
Lina Gürtler: Das spüre ich deutlich. Da ist die direkte Auseinandersetzung mit unseren Kundinnen und Kunden. In Beratungsgesprächen erlebe ich, wie konkrete Sorgen um Versorgung schnell mit allgemeinem gesellschaftlichen Frust und manchmal auch mit pauschalen Schuldzuweisungen verbunden werden. Das zeigt, wie schwer durchschaubar unsere sozialen Sicherungssysteme für viele Menschen sind und wie wichtig demokratische Teilhabe ist. Deshalb ist für mich auch klar: Pflegefachpersonen müssen ihre Erfahrungen und ihre fachliche Perspektive selbst in politische Aushandlungsprozesse einbringen. Pflege muss verzahnt sein mit anderen sozialen Fragen. Dazu brauchen wir mehr pflegewissenschaftliche Kompetenz – gerade dort, wo Menschen unmittelbar versorgt werden. Wir brauchen Karrierewege, in denen sich Pflegefachpersonen – ohne die direkte Versorgung verlassen zu müssen – ebenso weiterentwickeln können wie in der Pädagogik, im Management oder in der Wissenschaft. Auf dieser Basis können wir das System zukunftssicher umbauen – und endlich international anschließen.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Die Pflege wird akademischer, doch in der ambulanten Pflegelandschaft ist das wenig Thema. Frustriert Sie das?
Lina Gürtler: Enorm. Viele wissen nicht einmal, was ein primärqualifizierendes Pflegestudium beinhaltet. Wer international nicht den Anschluss an die fachliche Entwicklung verpassen will, muss Pflegewissenschaft in Deutschland endlich ernst nehmen! Pflege ist eine eigenständige Profession mit einer eigenen wissenschaftlichen Wissensbasis. Beziehung und Zuwendung gehören dazu – aber ebenso klinische Einschätzung, Beratung, Prävention und evidenzbasierte Entscheidungen. Wenn international ausgebildete Kolleginnen mit hochschulischen Qualifikationen feststellen, dass ihre Expertise in Deutschland nicht gefragt ist und sie sich beruflich nicht weiterentwickeln können, riskieren wir, ihre wertvolle Expertise zu verlieren. Wir vertun hier riesige Chancen durch veraltete Rollenbilder.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Sie sind Teil der „Zehn Perspektiven“. Welcher Blickwinkel begeistert Sie dabei besonders?
Lina Gürtler: Mich fasziniert die Vielfalt der Perspektiven. Sonja Laags sozialrechtlicher Blick zeigt zum Beispiel, wie stark pflegerische Praxis von Finanzierungs- und Ordnungsstrukturen geprägt wird. Doch auch die vielen anderen Perspektiven aus der Architektur, der Digitalisierung, zu Migration oder aus der Wissenschaft zeigen, wie auch ich mir die Pflegezukunft vorstelle: als gemeinsames Zusammenarbeiten verschiedener Perspektiven und Disziplinen und nicht innerhalb unserer eigenen Blasen.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Welchen Impuls möchten Sie der Debatte um Altern und Pflege mitgeben?
Lina Gürtler: Wir müssen aufhören, Altern nur als Defizit und Abbau zu betrachten. Gutes Altern heißt für mich, Selbstbestimmung und Teilhabe mit der Förderung bestehender Fähigkeiten zu ermöglichen. Das gelingt nur, wenn wir Gesundheit, Wohnen, das Sozialwesen und Bildungsangebote als ein zusammenhängendes Ökosystem begreifen – ausgehend davon, wie Menschen leben möchten.
Foto: Ivonne Köhler-Roth