„Die Pflege in Deutschland hat enormes Potenzial“ – die Perspektive von Kamille Metuku

Sie startete mit einem Pflegestudium auf den Philippinen. In Deutschland kennt Kamille Metuku jedes Pflegesetting: vom Krankenhaus über das Altersheim, von der außerklinischen Beatmung bis zur ambulanten Pflege. Sie absolvierte zahlreiche Fachweiterbildungen sowie internationale Studiengänge zum Pflege- und Gesundheitsmanagement. Heute ist sie auf Geschäftsleitungsebene im Pflegemanagement tätig und unterstützt die Beziehungen zwischen Deutschland und den Philippinen.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Als eine auf den Philippinen ausgebildete Nurse haben Sie Ihre berufliche Heimat im Management der ambulanten Pflege in Deutschland gefunden. Können Sie uns Ihren Weg dorthin beschreiben?

Kamille Metuku: Ganz am Anfang kannte ich aus meiner Heimat eigentlich nur das Community Nursing und Krankenhaus-Setup. Als ich in Deutschland ankam, habe ich mich auf die Kenntnisprüfung vorbereitet und weiter Deutschunterricht genommen. Parallel fing ich an, in einem Altenheim zu arbeiten – und das war ehrlich gesagt ein Schock! Auf den Philippinen hat die Nurse eine Rolle ähnlich wie ein Arzt: Wir übernehmen sehr viel Behandlungspflege, da Ärzte und Ärztinnen viele Aufgaben direkt delegieren. Im deutschen Pflegeheim bekam ich stattdessen als erstes eine Waschschüssel und Waschlappen in die Hand gedrückt.
Aber ich wurde fantastisch eingearbeitet. Ich durfte von erfahrenen und strengen hessischen Kolleginnen lernen. Die haben mir klipp und klar gesagt, was nicht gepasst hat und wie effizient und gründlich Pflege von A – Z sein muss. Nach drei Monaten hatte ich gefühlt schon zehn Jahre Praxiserfahrung.
Später erfüllte ich mir doch noch den Traum, den ich mit vielen international angeworbenen Pflegekräften teilte, und wechselte ins Krankenhaus. Anschließend in die außerklinische Intensivpflege. Nach fünf Jahren in Deutschland stieg ich dort direkt als Pflegedienstleitung ein. Meine größte Sorge damals war: Verstehen mich die Kolleginnen und Kollegen überhaupt? Nehmen sie mich ernst, wenn die Grammatik mal nicht perfekt ist? Aber fachlich lief es hervorragend. Es war eine bereichernde Zeit, Intensivpflege auch außerhalb der klassischen Settings zu gestalten. Später übernahm ich als operative Leitung Verantwortung für mehrere ambulante Pflegedienste. Das bedeutete jedoch sehr viel Reisetätigkeit – heute Berlin, morgen Hamburg, Rostock, Ludwigshafen oder Mannheim. Als ich Mutter wurde, hat das nicht mehr gepasst. Jetzt bin ich bei Cosmea Pflege und verantworte eine ganze Region.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Sie haben sich kontinuierlich fort- und weitergebildet: alle Scheine in Hessen, Intensivbeatmung im ambulanten Setting sowie Management in Bachelor- und Master-Studiengängen. Was haben Sie an und in Deutschland besonders schätzen gelernt?

Kamille Metuku: Mein persönlicher Ansporn war stets: Ich möchte in Deutschland bleiben und gestalten, mir aber gleichzeitig globale Perspektiven offenhalten. Was ich in und an Deutschland besonders schätzen gelernt haben ist das ganze System der sozialen Sicherung. Das ist etwas, das mich sehr positiv auf das eigene Alter blicken lässt. Auf den Philippinen ist das Gesundheitssystem ähnlich wie in den USA aufgebaut: Solange man angestellt ist, zahlt der Arbeitgeber einen Teil. Fällt man jedoch aus der Beschäftigung, bricht der Schutz weg. Viele Menschen müssen dort im Krankheitsfall ihre gesamten Ersparnisse aufbrauchen. Das deutsche Sozialversicherungssystem gibt Arbeitnehmern eine ungemein wertvolle Grundsicherung. Das schätze ich sehr.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Mit Blick auf die Langzeitpflege, insbesondere für ältere Menschen in Deutschland – welche Ideen haben Sie für die Zukunft?

Kamille Metuku: Deutschland hat viele gut durchdachte Versorgungssysteme, von der Akutpflege bis zur Langzeitversorgung. Doch es gibt schon noch Luft nach oben. Ich mag beispielsweise das Konzept von Demenz-Dörfern nach niederländischem Vorbild oder moderne Retirement Center, wie man sie aus den USA kennt. Mein Vision für die Zukunft sind Angebote, die nicht wie klassische Pflegeheime aussehen, sondern barrierefreie Lebensräume schaffen, in denen Menschen gerne wohnen – Orte, an denen andere Urlaub machen würden. Die Pflegebedürftigen haben ihr ganzes Leben gearbeitet; sie verdienen Lebensqualität und Menschlichkeit.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Beobachten Sie derzeit einen Professionalisierungsprozess in der Pflege in Deutschland?

Kamille Metuku: Ja, absolut. Die Pflegewissenschaft in Deutschland hat stark an Bedeutung gewonnen. Als ich ankam, hatte ich das Gefühl, dass Deutschland im internationalen Vergleich – etwa mit den USA, Österreich oder der Schweiz – hinterherhinkt. Durch die Pflegewissenschaft arbeiten wir mittlerweile evidenzbasierter, was die Versorgungsqualität deutlich hebt. Ich bin eine große Verfechterin der Akademisierung. Theorie ist nicht umsonst da! In der Ausbildung liegt der Schwerpunkt auf dem praktischen Handeln. Erst die wissenschaftliche Verknüpfung erklärt das Warum und sichert nachhaltige Standards. Die Pflege in Deutschland hat enormes Potenzial – wir müssen es nur mutig und wissenschaftlich fundiert nutzen.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Inwiefern hilft die internationale Perspektive, wenn Sie die Diskussionen um Pflegepolitik und Pflegeprofessionalisierung in Deutschland verfolgen?

Kamille Metuku: Die internationale Perspektive erweitert meinen Blick: Sie zeigt, was in anderen Ländern funktioniert, wo unser System Lücken hat und welche Ansätze wir übernehmen können. Gleichzeitig wird deutlich, dass vieles, was in Deutschland selbstverständlich erscheint, weltweit nicht selbstverständlich ist. Für die Professionalisierung der Pflege bedeutet das in Konsequenz mehr als neue Abschlüsse oder Berufsbezeichnungen. Es geht um Anerkennung, Verantwortung und echte Entscheidungsfähigkeit. Ich wünsche mir eine Pflege, die ihren Wert kennt, selbstbewusst handelt und die Gesundheitsversorgung aktiv mitgestaltet.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Was stimmt Sie zuversichtlich für die Zukunft der Pflege – was ist Ihnen dabei wichtig? 

Kamille Metuku: Mich stimmt zuversichtlich, dass sich in der Pflege gerade viel bewegt. Es gibt immer mehr Menschen, die nicht nur über die Herausforderungen sprechen, sondern Pflege aktiv weiterentwickeln wollen – in der Praxis, in der Wissenschaft und auch auf politischer Ebene. Wichtig ist mir dabei vor allem, dass wir Pflege nicht nur als Antwort auf den Fachkräftemangel sehen. Pflege ist eine eigenständige Profession mit eigener Expertise und einem wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung. Dafür brauchen Pflegefachpersonen mehr Möglichkeiten, Verantwortung zu übernehmen, selbstständig zu entscheiden und ihre Perspektive einzubringen. Genauso wichtig finde ich es, Führungskräfte in ihrer Rolle zu stärken. Gute Führung bedeutet für mich, sich immer wieder zu fragen: Was können wir konkret tun, damit Menschen gerne und langfristig in der Pflege arbeiten? Dazu gehören für mich Transparenz, gute Arbeitsbedingungen, Wertschätzung und eine klare Orientierung an Qualität.
Ich glaube, wir sollten viel stärker darauf schauen, was Pflege eigentlich alles kann. Wenn wir Pflege mehr zutrauen, Führung stärken und den Menschen in der Pflege den Raum geben, Verantwortung zu übernehmen, dann schaffen wir nicht nur bessere Bedingungen für heute, sondern legen auch den Grundstein für eine Pflege, in der Menschen auch morgen noch gerne arbeiten.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Was berichten Sie, wenn Sie Nurses aus den Philippinen zur Pflege in Deutschland fragen? 

Kamille Metuku: Ich würde sagen, Deutschland bietet Pflegefachpersonen viele Möglichkeiten – beruflich und auch persönlich. Es gibt vielfältige Einsatzbereiche, Spezialisierungen und gute Möglichkeiten, sich fachlich weiterzuentwickeln und mehr Verantwortung zu übernehmen. Das Leben hier kann viele Chancen bieten: eine gute soziale Absicherung, verlässliche Strukturen, Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie und langfristig die Chance, sich ein stabiles Leben aufzubauen. Natürlich würde ich auch ehrlich über die Herausforderungen sprechen – denn Pflege in Deutschland ist anspruchsvoll und nicht alles ist perfekt. Aber ich würde vor allem sagen: Kommt mit euren Erfahrungen und euren Ideen. Ihr könnt hier nicht nur eine berufliche Perspektive finden, sondern euch auch persönlich weiterentwickeln und ein neues Zuhause aufbauen.

Portraitfoto von Kamille Metuku