Wie gelingt ein Versorgungssystem, das niemanden übersieht? Kübra Annac erforscht als Wissenschaftlerin die Hürden im System – von Sprachbarrieren über soziale Lage bis hin zu Diskriminierungserfahrungen. Im Interview spricht sie darüber, warum diversitätssensible Pflege nicht vom Engagement Einzelner abhängen darf, wie gute Kommunikation Leben verändern kann und warum pflegende Angehörige viel früher adressiert werden müssen.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Sie haben Gesundheitskommunikation und Biomedizin studiert. Was verbindet Sie mit der Langzeitpflege?
Kübra Annac: Mein Zugang zur Pflege führt über die Frage, wie Menschen Versorgung verstehen und nutzen können. Pflege war bereits in meinem Studium immer ein Thema. Heute interessiert mich besonders, wen bestehende Angebote erreichen und wer mit seinem Unterstützungsbedarf möglicherweise übersehen wird. Das berührt mich auch persönlich: Wenn die Menschen, die uns nahestehen, älter werden, wird die Frage nach guter Pflege sehr konkret.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Was ist Ihr wissenschaftliches Interesse an Pflege?
Kübra Annac: Ich beschäftige mich mit Gerechtigkeit in der Versorgung. Ein Angebot ist noch nicht für alle zugänglich, nur weil es existiert. Wer Informationen nicht versteht oder sich mit der eigenen Lebenssituation nicht angesprochen fühlt, kann Unterstützung oft nicht nutzen. Deshalb arbeite ich zunehmend mit einer intersektionalen Perspektive. Ich untersuche, wie etwa Geschlecht, Sprache, soziale Lage, Migration und Diskriminierungserfahrungen zusammenwirken und den Zugang zu pflegerischer Unterstützung sowie die Versorgung im Pflegealltag beeinflussen. Mich interessiert, welche Barrieren das Pflegesystem erzeugt und wie wir sie abbauen können. Zugleich möchte ich dazu beitragen, Pflegeangebote so weiterzuentwickeln, dass sie unterschiedlichen Lebensrealitäten besser gerecht werden und Menschen die Unterstützung erhalten, die sie tatsächlich brauchen.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Was zeigt sich in Ihrer Forschung und was muss sich konkret ändern?
Kübra Annac: Für mich wird deutlich: Diversitätssensible Pflege darf nicht vom Engagement Einzelner abhängen. Einrichtungen müssen sie verbindlich in ihrer Organisation verankern. Dafür brauchen sie Ressourcen, Qualifizierung und klare Zuständigkeiten. Auch Fördermittelgeber sind gefragt, diese Voraussetzungen zu unterstützen. Konkret heißt das: Bedürfnisse erfassen, Informationen in verständlicher Sprache, bei Bedarf auch in mehreren Sprachen, bereitstellen, mit unterschiedlichen Communities zusammenarbeiten und Betroffene partizipativ an der Entwicklung von Angeboten beteiligen. Ihre Erfahrungen müssen in Entscheidungen einfließen. Dabei geht es auch um Vertrauen. Menschen müssen Fragen stellen können und sich mit ihren Bedürfnissen ernst genommen fühlen. Gute Kommunikation ist eine Voraussetzung dafür, dass Unterstützung überhaupt ankommt. Diversität muss deshalb als Normalität in der Pflege berücksichtigt werden.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Was ist Ihre Vision für die Zukunft der Altenpflege?
Kübra Annac: Ich möchte eine Altenpflege, die vom Alltag der Menschen ausgeht. Bei jedem Angebot sollten wir fragen: Können die Menschen es erreichen, verstehen und tatsächlich nutzen? Entspricht es ihren Bedürfnissen und Erwartungen? Diese Fragen gehören bereits in die Planung. Besonders wichtig ist mir, pflegende Angehörige früher einzubeziehen. Unterstützung sollte einsetzen, bevor Überlastung entsteht. Dazu gehören frühzeitige Informationen über Entlastungsmöglichkeiten und Räume, in denen Angehörige offen über Belastungen sprechen können. Auch die Vereinbarkeit von Pflege, Beruf und eigenem Leben, also die „Care-Life-Balance“, muss stärker berücksichtigt werden. Mein Anspruch an Forschung ist, solche Zugangsbarrieren sichtbar zu machen und daraus konkrete Verbesserungen für die Versorgung abzuleiten. Ob ein Angebot funktioniert, muss sich auch daran messen lassen, ob es die Menschen in ihrem Alltag erreicht.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Wenn Sie auf die anderen neun Kolleginnen schauen, was gibt Ihnen Mut und Zuversicht?
Kübra Annac: Mich ermutigt, wie unterschiedlich die Kolleginnen an die Zukunft der Pflege herangehen: über die Gestaltung von Einrichtungen, individuelle Bedürfnisse oder digitale Unterstützung. Die Stiftung macht diese Perspektiven sichtbar und schafft Raum, Bestehendes zu hinterfragen. Besonders wichtig finde ich, dass dabei die Arbeit von Frauen sichtbar wird, deren Beitrag zur Pflege häufig zu wenig Anerkennung erhält. Insbesondere bei der Digitalisierung sehe ich Chancen, etwa durch Online- oder hybride Angebote für Angehörige, die zeitlich und durch die Pflege stark eingebunden sind. Mein Maßstab ist auch hier: Eine Innovation muss Menschen die Teilhabe erleichtern. Zugleich müssen wir darauf achten, keine neuen Hürden zu schaffen.
Foto: Christian Berges, Light Loft Studio