Vom Sommerjob im Pflegeheim zur ersten Chief Nursing Information Officer (CNIO) Deutschlands: Katharina Steinhauer hat einen ungewöhnlichen und wegweisenden Weg in der Pflege eingeschlagen. Heute verantwortet die Pflegewissenschaftlerin die digitale Infrastruktur an einem Universitätsklinikum. Im Interview führt sie aus, wie wichtig eine pflegerische Perspektive zwischen Krankenhaus und Häuslichkeit bei älteren kranken Menschen ist und dass das Einsparen von ein paar Klicks noch lange keine bessere Pflege garantiert.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Wie sind Sie denn eigentlich zur Pflege gekommen?
Katharina Steinhauer: In den Schulferien habe ich im Pflegeheim die Betreuung unterstützt, dann habe ich als Pflegehelferin gestartet. Ab da hat sich das stetig weiterentwickelt.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Und warum sind Sie im Uniklinikum gelandet und nicht in der Langzeitpflege?
Katharina Steinhauer: Ich habe Pflege studiert. Während des Studiums war es schwieriger, mir die Zeiten in der Altenpflege anerkennen zu lassen, sodass ich in die Krankenpflege gegangen bin. Das war keine grundlegende Überzeugung, sondern hat sich so angeboten. Ich habe auch nebenher lange immer wieder in der Altenpflege gearbeitet und war pflegende Angehörige.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Wenn Sie an die Katharina Steinhauer von vor 15 Jahren denken: Was waren damals Ihre großen Visionen oder Pläne?
Katharina Steinhauer: Ich bin da unbedarft reingegangen. Mir war es ein Anliegen, in meinem Rahmen etwas zu bewirken – schon als Pflegehelferin wollte ich in meiner Schicht für meine Bewohner das Bestmögliche rausholen. Durch das Studium und die Türen, die sich geöffnet haben, merkte ich, dass das auch größer sein kann, als der unmittelbare Kontakt mit Patienten. Mir war klar, dass ich keine Position wie Pflegedienstleitung übernehmen will. Was man sonst machen könnte, konnte mir keiner sagen, als ich 20 war. Mit den neuen Rollen und Positionen, wie zum Beispiel Advanced Practice Nurse (APN) oder Chief Nursing Information Officer (CNIO), gibt es nun mehr Optionen als nur Fachkraft und Leitung. Als erste CNIO Deutschlands freut es mich natürlich, damit eine Tür für nächste Generationen geöffnet zu haben. Das gefällt mir auch so gut am Kreis der Zehn Perspektiven: Ich finde es inspirierend, dass es so viele gibt, die ihren Weg gegangen sind. Das breite Spektrum an Themen, auch abseits meiner IT-Bubble, hat mir gutgetan.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Sie arbeiten jetzt in einem Uniklinikum. Das ist gefühlt sehr weit weg von der Alten- oder auch Langzeitpflege. Wie erleben Sie das?
Katharina Steinhauer: Ich sehe die Grenzen zwischen den Gesetzbüchern SGB V und SGB XII. Die Trennung ist künstlich hergestellt und läuft ja vor allem über die Finanzierung. In unserer Uniklinik-Struktur dominieren Fragestellungen aus der Medizin: Es gibt ein Ereignis und das wird geheilt. Pflege bearbeitet andere Fragestellungen. Wir begleiten immer mehr ältere kranke Menschen pflegerisch, dabei ist es sinnvoll, dass die Strukturen zwischen Krankenhaus und den eigentlichen Settings der Menschen vernetzt sind. Gleichzeitig weiß ich, dass ich an der Uniklinik besondere Ressourcen nutzen kann: Ich habe Zugang zu wissenschaftlicher Arbeit, kann publizieren und Fördergelder beantragen. Wir haben heterogen qualifiziertes Personal in allen Berufsgruppen, auch APNs. Ich habe hier andere Möglichkeiten als ein ambulanter Pflegedienst, der Minuten abrechnen muss und andere Möglichkeiten als pflegende Angehörige.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Sie verantworten die digitale Infrastruktur für die Pflege im Uniklinikum. Mit der Wortkombination von „Digitalisierung und Pflege“ sind viele Hoffnungen verknüpft. Wie bildet sich das bei Ihnen ab?
Katharina Steinhauer: Im Moment bietet die Digitalisierung eine Chance für die Pflege, das ist klar. Auf Kongressen und in Pressemeldungen werden immer wieder und immer mehr digitale Produkte als Entlastung für die Pflege angepriesen. Als Pflegewissenschaftlerin frage ich mich schon, wer beurteilt das eigentlich? Was ist der theoretische Rahmen hierzu? Am Beispiel der Telematikinfrastruktur ist dies zu erkennen: Administrative Dinge werden als pflegerische Tätigkeit dargestellt. Es mag sein, dass durch einzelne Anwendungen acht Minuten und zwölf Klicks gespart werden. Doch die Frage ist: Was haben wir am Ende davon bezüglich der Pflegequalität oder Arbeitsgestaltung? Das sind oft keine pflegewissenschaftlich haltbaren Konstrukte. Meiner Erfahrung nach ist der komplexe Versorgungsprozess sehr sensibel bezüglich Neuerungen, sodass es in der Umsetzung auch immer zu neuen Belastungen kommt.
Stiftung Zukunft Altenpflege: Welche Chance sehen Sie dann in der Digitalisierung für die Pflege?
Katharina Steinhauer: Wir müssen ehrlich darüber sprechen: Digitalisierung kann Entlastung bringen, aber sie bringt auch Belastungen. Und wir haben wieder die Frage, was eigentlich Pflege ist. Im Kontext der digitalen Unterstützung für die Pflege heißt das: Was von der Pflege muss digital abgebildet werden? Welche Qualität wollen wir abbilden? Was bringt die Fachkraft? Welchen Parameter wollen wir dabei messen? Alle sagen in ihrer Forschung zu digitalen Tools, dass man die Pflege frühzeitig einbeziehen muss. Dabei reicht es aus meiner Sicht nicht, wenn wir von Einbeziehen reden. Wir müssen die Digitalisierung pflegegeführt ausgestalten.
Foto: Christian Berges, Light Loft Studio