Eine von Zehn Perspektiven: Dr. Judith Schoch im Interview

Wie gelingt Forschung und Wissenstransfer in komplexen Versorgungsstrukturen? Dr. Judith Schoch leitet das Institut für Innovation, Pflege und Alter der Evangelischen Heimstiftung. Sie steht für eine von Zehn Perspektiven, die die Langzeitpflege verändern werden. Im Interview mit der Stiftung Zukunft Altenpflege spricht sie über evidenzbasierte Ansätze, die Rolle von Innovation Scouts in Einrichtungen und die Frage, welche technologischen Rahmenbedingungen die pflegerische Beziehungsarbeit künftig unterstützen.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Frau Dr. Schoch, das Institut für Innovation, Pflege und Alter der Evangelischen Heimstiftung ist eine besondere Schnittstelle von Forschung und Praxis, von Wissenstransfer und parizipativer Entwicklung. Wie war Ihr Weg dorthin?

Dr. Judith Schoch: Das war tatsächlich kein gradliniger Weg. Was ich schon früh wusste: Ich wollte mit Menschen arbeiten und etwas Sinnstiftendes tun. Deshalb habe ich Erziehungswissenschaft studiert und mit Soziologie und Psychologie kombiniert. Während dieser Zeit habe ich vor allem mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderung gearbeitet. Wie es der Zufall wollte, hat mir dann ein Freund, der gerade seinen Zivildienst machte, einen kleinen Job in einem Pflegeheim vermittelt. Dort kam ich zum ersten Mal mit Menschen mit Demenz in Kontakt. Diese Begegnungen haben mich tief berührt und geprägt. Da hat es „Klick“ gemacht. Ich wusste sofort: Das ist mein Thema, hier will ich hin.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Und wie ging es nach diesem Schlüsselerlebnis weiter? Welchen Ausbildungsweg haben Sie eingeschlagen?

Dr. Judith Schoch: Ich habe mein Studium abgeschlossen und dabei einen Schwerpunkt auf die psychologische Altersforschung gelegt. Anschließend hatte ich die Möglichkeit in einem interdisziplinären Graduiertenkolleg am Institut für Gerontologie in Heidelberg zu promovieren. Im Mittelpunkt stand die Frage, welchen Einfluss die räumliche Umwelt auf ältere Menschen mit kognitiven Einschränkungen hat. In meiner Promotion habe ich untersucht, welche Bedeutung Orte und Gegenstände für Menschen mit Demenz haben. Diese Zeit am Institut für Gerontologie hat mich fachlich wie persönlich sehr geprägt. Gleichzeitig wurde es mir immer wichtiger, die Fragen, mit denen ich mich wissenschaftlich beschäftigt habe, auch praktisch mitzugestalten. Deshalb bin ich nach einigen Jahren zu einem Caritasverband gewechselt und habe dort unter anderem ambulant betreute Wohngemeinschaften, Quartiersprojekte und neue Versorgungsangebote mit aufgebaut und begleitet. Rückblickend war genau diese Verbindung von Forschung und Anwendung die beste Vorbereitung auf meine heutige Aufgabe.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Weil Sie nun beim Institut für Innovation, Pflege und Alter der Evangelischen Heimstiftung genau diese beiden Welten verbinden können?

Dr. Judith Schoch: Ganz genau. Hier kann ich forschen, was mir großen Spaß macht, und zugleich wissenschaftliche Erkenntnisse für die Praxis nutzbar machen. Wir beschäftigen uns mit Fragen, die unmittelbar für ältere Menschen und Mitarbeitende relevant sind: Wie können wir Lebensqualität, Teilhabe und Selbstständigkeit fördern? Wie können wir Menschen mit Demenz besser unterstützen? Und unter welchen Bedingungen können innovative Lösungen einen echten Mehrwert schaffen? Selbstverständlich arbeiten wir wissenschaftlich orientiert und methodisch fundiert. Unsere Projekte sind in den Einrichtungen verortet. So stellen wir sicher, dass Innovation und Forschung an den tatsächlichen Herausforderungen des Alltags ansetzen. Genau diese Verbindung macht die Arbeit für mich so spannend.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Oft gelten ja vor allem Start-ups mit digitalen Produkten als Innovationstreiber. Wie schafft es ein traditionelles Pflegeunternehmen, selbst innovativ zu sein und nicht nur „Dienst nach Vorschrift“ zu machen?

Dr. Judith Schoch: Bei der Evangelischen Heimstiftung ist Innovation fest in der Unternehmensstrategie verankert. Das zeigt sich auch darin, dass Ressourcen für Forschung und Entwicklung geschaffen wurden. Das ist im Bereich der Altenpflege keineswegs selbstverständlich. Wir sind überzeugt, dass Innovation immer eine Kombination aus Struktur und Haltung braucht. Entscheidend ist die Bereitschaft, Dinge zu hinterfragen, Neues auszuprobieren und gemeinsam zu lernen. Innovation gelingt dabei selten durch reine Top-down-Entscheidungen. Es reicht nicht, eine neue App, Software oder Technologie einzuführen und zu erwarten, dass sie automatisch angenommen wird.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Sondern? Wie nehmen Sie die Mitarbeitenden mit?

Dr. Judith Schoch: Wir fragen die, die es betrifft. Die Kolleginnen und Kollegen in den Einrichtungen kennen ihren Arbeitsalltag, die Herausforderungen und die Bedarfe besser als jeder andere. Deshalb binden wir sie von Anfang an in Projekte ein, führen Workshops durch und entwickeln Fragestellungen und Lösungen gemeinsam. Ein wichtiges Bindeglied sind dabei unsere Innovation Scouts in den Einrichtungen. Sie bringen Impulse aus dem Alltag zu uns und tragen gleichzeitig neue Entwicklungen zurück in ihre Teams. Dadurch entsteht ein kontinuierlicher Austausch, der wesentlich dazu beiträgt, Innovationen erfolgreich in die Praxis zu bringen.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Wenn wir 15 Jahre vorausblicken: Welche großen Ziele haben Sie vor Augen?

Dr. Judith Schoch: Wir fokussieren uns auf zwei Perspektiven. Erstens die der älteren Menschen: Wie können sie möglichst lange selbstbestimmt und mit hoher Lebensqualität in ihrer vertrauten Umgebung oder in neuen Wohnformen leben? Wie können wir ihre Teilhabe und Selbstständigkeit unterstützen?
Zweitens die Perspektive der Mitarbeitenden. Angesichts des demografischen Wandels wird es immer wichtiger, sie zu entlasten und gute Rahmenbedingungen für ihre Arbeit zu schaffen. Natürlich spielen digitale Technologien dabei eine Rolle. Mein Ziel für das Jahr 2040 ist, dass wir gar nicht mehr groß über Technik reden müssen, weil sie ganz selbstverständlich zu unserem Alltag gehört.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Was wird dann die Versorgung älterer pflegebedürftiger Menschen ausmachen?

Dr. Judith Schoch: Gute Pflege bleibt Beziehungsarbeit. Technik kann Routinetätigkeiten erleichtern, relevante Informationen bereitstellen und Prozesse vereinfachen. Sie kann aber weder professionelles Urteilsvermögen noch menschliche Zuwendung ersetzen. Deshalb wünsche ich mir eine Zukunft, in der Technik im Hintergrund unterstützt und der Mensch weiterhin im Mittelpunkt steht.

Stiftung Zukunft Altenpflege: Das heißt, das Ziel von High-Tech in der Pflege ist im Grunde mehr Menschlichkeit?

Dr. Judith Schoch: Exakt. Technik ist kein Selbstzweck, sondern muss den Menschen dienen. In unseren Gesprächen berichten Mitarbeitende immer wieder, wie wichtig es ihnen ist, ausreichend Zeit für die Menschen zu haben. Wenn Technik sie im Arbeitsalltag spürbar entlastet, entstehen mehr Freiräume für Gespräche und persönliche Zuwendung. Und genau daran sollte sich Innovation in der Pflege am Ende messen lassen.

Foto: Christian Berges, Light Loft Studio